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Wirtschaftslexikon
über 20.000 Fachbegriffe - aktualisierte Ausgabe 2015
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Vernetztes Denken

Ein Denken, das nicht nur gradlinig auf das Erreichen eines einzigen Zieles ausgerichtet ist. Vielmehr werden bewusst die Querverbindungen zu anderen Zielen und Problemen sowie die Folgewirkungen bestimmter Handlungen beachtet: Denken in sozialen, ökonomischen und ökologischen Zusammenhängen.

Je höher entwickelt und damit auch komplizierter eine Wirtschaft und Gesellschaft wird, um so größer wird auch die Spezialisierung einerseits und damit die Gefahr andererseits, dass der Überblick über die Zusammenhänge verloren geht. Es gibt selbst bei einem Individuum kaum noch Handlungen und Entscheidungen, die nicht in irgend einer Form auch die Umwelt und andere Menschen betreffen. Im beruflichen Bereich ist das eine unvermeidliche Konsequenz der arbeitsteiligen Gesellschaft. Viele unserer Handlungen - als Arbeitnehmer oder Verbraucher, im Beruf oder der Freizeit - haben Konsequenzen für die Umwelt und deshalb unter Umständen auch Konsequenzen nicht nur für die Qualität des eigenen Lebens sondern auch für andere Menschen - selbst wenn sie räumlich sehr weit entfernt leben.

In Politik und Wirtschaft ist diese Denken über die Grenzen des unmittelbaren Lebens- und Einflussbereichs hinaus noch viel wichtiger. Denn während es im privaten Sektor jeweils nur über geringe Mengen an Stoffen und Produkten entschieden wird, sind es dort oft tausende von Tonnen oder Gesetze, die Millionen von Menschen betreffen. Deshalb kann man es nicht mehr allein dem guten Willen und der Einsichtsfähigkeit einzelner Manager oder Politiker allein überlassen, ob sie die Folgen ihres Handels für die Umwelt mit bedenken.

Das bedeutet konkret, dass schon bei der Entwicklung eines Produkts nicht nur über die aus der Sicht der Produktionstechniker zweckmäßigste und unter dem Aspekt der Marketingfachleute günstigste Gestaltung nachgedacht werden muss. Es muss auch nach der Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg gefragt werden: Wie hoch ist der für Herstellung und Transport erforderliche Energieeinsatz? Wie stark werden Luft, Wasser und Boden bei der Produktion belastet? Entstehen beim zweckentsprechenden Einsatz des Produkts Gefahren für den Anwender oder Konsumenten oder für die Umwelt? Wie kann das Erzeugnis später entsorgt werden: Ist es für eine Wiederverwertung oder eine Aufarbeitung geeignet, muss es demontiert und dabei von gefährlichen Stoffen gereinigt werden, soll man es zur Energierückgewinnung verbrennen und ist der verbleibende Rest gefahrlos deponierbar?

Deshalb ist die Forderung nur konsequent, dass der Hersteller die Verantwortung dafür übernehmen muss, dass dies sowohl gefahrlos als auch kostengünstig möglich ist. Er darf die Lösung der Probleme und die finanziellen Lasten nicht einfach auf die Allgemeinheit (also den Steuerzahler) abschieben oder gar in andere Länder verlagern. Wenn er die Entsorgungsmöglichkeiten nicht bereits in der Entwicklungs- und Produktionsphase bedenkt, kann es für ihn später sehr teuer werden. In letzter Konsequenz kann es sogar bedeuten,, dass ein Unternehmen aus dem Markt ausscheiden muss, wenn die Verbraucher nicht bereit sind, die im Preis enthaltenen Kosten der Entsorgung zu tragen oder der Hersteller für die Endlagerung keine akzeptablen Lösungen anbieten kann. Die Entwicklung in der Kernenergie ist dafür ein warnendes Beispiel.

Dabei reicht es in der Regel auch nicht mehr aus, dass einzelne Unternehmen sich der Verantwortung für ihr Produkt von der Idee bis zur Entsorgung bewusst werden. Viele Probleme lassen sich nur dann lösen, wenn dafür von der ganzen Branche ein ganzheitliches Konzept entwickelt wird, in das auch die verantwortlichen politischen Instanzen mit einbezogen werden. Dies ist nicht nur aus der Sicht des Umweltschutzes erforderlich. Es ist auch deshalb notwendig, damit sich einzelne Unternehmen nicht ungerechtfertigte Preisvorteile erschleichen, indem sie sich geschickt der gemeinsamen Verantwortung entziehen und die Lösung der von ihnen mit verursachten Probleme den anderen Wettbewerbern überlassen.

Allerdings ist für solche Lösungen neben der Bereitschaft der Wirtschaft, die Verantwortung für den gesamten Produktzyklus zu übernehmen, auch die Mitarbeit der kleinen Anwender erforderlich (wie Handwerker und andere Gewerbetreibende, Mediziner und Zahnärzte, Landwirte oder Gärtner) und nicht zuletzt breiter Kreise der Bevölkerung. Allerdings ist der Konsument, Verwender oder Auftraggeber dabei in vielen Fällen überfordert und muss auf die Hilfe von Fachleuten zurückgreifen.

Das bedeutet aus der Sicht der Verbraucher: Nach der "Selbstbedienung" in weiten Bereichen des täglichen Bedarfs (Lebensmittel, Haushaltsreiniger usw.), in Handwerker- und Baumärkten oder Gartencentern wird angesichts der wachsenden Umweltprobleme und der großen Schwierigkeiten bei der Deponierung von Müll nun die "Selbstentsorgung" eine immer wichtigere Rolle spielen.

Das gilt erst recht für Landwirte, Gärtner und kleine Gewerbetreibende oder Selbständige, die - wie z.B. Zahnärzte mit Stoffen hantieren, die von den Kläranlagen nicht oder nicht ausreichend abgeschieden werden und somit in den Boden, das Grundwasser und die Flüsse gelangen und sich dann in Form von Schwermetallen oder anderen risikobehafteten Substanzen im Schlamm ablagern und auf gefährliche Weise anreichern. Denn die Natur verliert nichts. Wenn solche Stoffe nicht abgebaut und dabei in harmlose Verbindungen verwandelt werden, tauchen sie irgendwo wieder in konzentrierter Form auf und führen - oft sehr weit weg vom eigentlichen Verursacher - zu kaum lösbaren Problemen oder zu hohen Kosten, die dann oft auch noch völlig Unbeteiligte zu tragen haben.

Hier muss die Entsorgung noch konsequenter beim Verwender oder Verursacher einsetzen. Denn nahe an der Quelle, wo noch eine gewisse "Sortenreinheit" herrscht, lassen sich viele Stoffe - wie spezielle Kunststoffverpackungen oder Schwermetalle im Abwasser - gezielter und mit geringerem technischen Aufwand erfassen als später, wenn sie mit anderen vermischt sind und sich möglicherweise sogar neue chemische Verbindungen gebildet haben, die problematischer als die Ausgangsstoffe sind.

Das bedeutet: Die Umweltprobleme können nur dann gelöst oder zumindest weitgehend entschärft werden, wenn nicht nur innerhalb von Unternehmen oder Branchen "vernetzt" gedacht wird, sondern alle in diesen Prozess einbezogen werden: Hersteller, Politik und Verbraucher.

Umweltschutz fängt in der Planungs - und Konstruktionsphase an, weil sonst später nur noch Schadensbegrenzung oder Schadensbeseitigung betrieben werden kann. Aber auch für den privaten Haushalt gilt, dass immer stärker "vernetzt" oder in "konzentrischen Kreisen" gedacht werden muss. Wie wirken sich die Herstellung oder der Gebrauch eines Produkts vor Ort, regional, national, europaweit oder schließlich global aus?

Vernetztes Denken kann weder allein auf den regionalen oder nationalen Rahmen beschränkt werden, noch allein auf die reine Ökologie. Auch die Folgen aller vorgeschlagenen Maßnahmen für die öffentlichen Finanzen, für das wirtschaftliche Wachstum und die Arbeitsplätze müssen in das gedankliche Netz mit einbezogen werden. Denn ein ökologisches Übersteuern kann sonst ebenso Akzeptanzprobleme schaffen, wie ein rücksichtsloses Wachstumsdenken: Umweltschutz lebt vom Mitmachen - und Mitdenken.



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